Interview mit dem Autor

Wie sind Sie zu dem Thema Ladendiebstahl gekommen?
Dieses Thema begleitet mich seit nunmehr 36 Jahren. Damals habe ich eine Stelle als Kaufhausdetektiv angetreten, um die Wartezeit zwischen meiner Bundeswehrzeit und dem Beginn meiner Ausbildung bei der Polizei zu überbrücken. Bereits damals habe ich festgestellt, dass es im Bereich der Bekämpfung des Kaufhausdiebstahls so gut wie keine vernünftigen Informations-, geschweige denn Ausbildungsmöglichkeiten gab. Später habe ich 13 Jahre lang als Kriminalbeamter vor allem Banden organisierter Ladendiebe verfolgt und dabei eine Vielzahl von Begegnungen mit Kaufhausdetektiven und Sicherheitsbeauftragten in Handelsunternehmen, aber auch mit den Verantwortlichen großer Handelskonzerne gehabt. Und immer wieder musste ich dabei feststellen, dass der Bereich Ladendiebstahl bei den meisten Unternehmen geradezu fahrlässig vernachlässigt wird. Das hat mich unter anderem veranlasst, einen Fernlehrgang für die Ausbildung von Kaufhausdetektiven und Kaufhauspersonal zum Schutz vor Ladendiebstählen zu erstellen. Nachdem der Lehrgang im Mai 1989 als erster seiner Art in Deutschland staatlich geprüft und zugelassen wurde, vertreibe ich diesen Fernlehrgang bis heute über das von mir gegründete TEKTAS-Institut. Mit dem nun im Tectum Verlag veröffentlichten Buch "Ladendiebstahl - erkennen, verhindern, verfolgen" möchte ich wesentliche Erkenntnisse aus meiner einschlägigen Berufserfahrung allen Mitarbeitern von Handelsunternehmen für den Kampf gegen Diebstahlsverluste zur Verfügung stellen.

Woran erkennt man Ladendiebe?
Ladendiebe kommen aus allen Gesellschaftschichten, aus allen Kulturkreisen und aus aller Herren Länder. Sie sind vornehm gekleidet oder in zerschlissener Kleidung; sie sind jung oder alt, männlich oder weiblich, gebildet oder dumm: kurzum - jeder "Kunde" könnte ein Ladendieb sein! Am Äußeren allein kann man daher nicht erkennen, ob jemand einen Diebstahl plant oder nicht. Hingegen gibt es eine Fülle an Indizien, an denen der geübte Detektiv oder Sicherheitsverantwortliche leicht erkennt, ob ein Kunde einen Diebstahl beabsichtigt. Derartige Indizien ergeben sich daraus, dass sich der unehrliche Kunde zwangsläufig an irgendeinem Punkt anders verhalten muss als ein ehrlicher Kunde, da ja sonst beide mit der Ware an der Kasse landen und die Ware dort ordnungsgemäß bezahlen würden. Dieses abweichende Verhalten bahnt sich in aller Regel für den Fachmann offen sichtbar an. Solange sich die Vorbereitung für den Diebstahl nämlich im Bereich der sogenannten "straflosen Vorbereitungshandlung" bewegt, bemüht sich der Täter zumeist nicht, diese Handlungen verdeckt zu begehen. Er wird erst vorsichtig, wenn die Vorbereitung für den Diebstahl das Stadium des - strafbaren - Versuchs erreicht. Dazu ein kleines Beispiel: der Dieb öffnet den Reißverschluss seiner Einkaufstasche und stellt die geöffnete Tasche in seinen Einkaufswagen. Diese beiden Handlungen macht er ungeniert und öffentlich, da beides ja nicht strafbar ist. Erst dann, wenn er einen Gegenstand hochnimmt und in die Tasche steckt, wird diese Handlung u.U. zu einem strafbaren Versuch und erst damit wird das Einstecken der Ware heimlich erfolgen. Dementsprechend lassen sich verdächtige Vorbereitungshandlungen meistens bereits vor der eigentlichen Tatausführung erkennen und man kann so den Kunden gezielt beobachten.

Wie kann man einen Ladendieb überführen?
Dies geschieht in mehreren Schritten: Voraussetzung für eine Überführung ist zunächst die Kenntnis davon, dass jemand einen Gegenstand in Diebstahlsabsicht an sich genommen hat. Kenntnis erlangt man z.B. durch die Mitteilung eines Zeugen, durch eigene, direkte Beobachtung (sei es durch persönliches Nachgehen oder über eine Videoüberwachung), durch ungeschicktes Verhalten des Täters (z.B. rutscht Diebesgut unter der Jacke heraus oder durch den späteren Verkauf des Diebesgutes) oder durch das Auslösen eines Alarms an einer Warensicherungsschleuse. Hat man den Tatverdächtigen angehalten, so gilt es, durch die Sicherstellung des Diebesgutes auch einen objektiven Sachbeweis für die Straftat zu erlangen. Da aber das bloße Auffinden von mutmaßlichem Diebesgut beim Täter nicht zwangsläufig für eine Überführung ausreicht (Etikett wurde bereits entfernt; Täter bestreitet den Diebstahl und behauptet z.B. den Artikel wo anders oder zu einem früheren Zeitpunkt ordnungsgemäß gekauft zu haben), gilt es schließlich, an den sichergestellten Gegenständen Spurensicherungsmaßnahmen zu veranlassen oder Zeugen zu vernehmen, deren Angaben vor Gericht als Beweis gewertet werden können. Auch durch das Auslegen sogenannter "Diebesfallen" lassen sich Täter im Personalbereich durch den Nachweis des ausgebrachten "Fangmittels" überführen. Schließlich bietet auch die Vernehmung eines Verdächtigen die Möglichkeit, ihn zu überführen. Dies erfolgt zumeist nach festgestellten "Personaldiebstählen", wobei sich der verdächtige Mitarbeiter bei einer Vernehmung leicht in Widersprüche verwickelt und schließlich ein Geständnis ablegt.

Wie kann man sich vor Ladendieben schützen?
Der wichtigste Punkt dabei ist der, dass der Kampf gegen Ladendiebstahl zur Chefsache erklärt und mit entsprechendem Nachdruck vorangebracht werden muss. Diebstähle lassen sich einerseits durch Präventionsmaßnahmen verhindern, wie durch die diebstahlshemmende Gestaltung der Räumlichkeiten, durch diebstahlshemmende Warenpräsentation, durch entsprechende Warensicherungsmaßnahmen (Alarmanlagen, Verpackung, Anbieten wertvoller Ware nur an Verkaufstheken mit direkter Bezahlung) und durch straffe Organisationsvorgaben zur Verhinderung von Diebstählen, auch und gerade im Personalbereich. Besonders wichtig ist dabei die umfassende Schulung des Personals zum Thema Diebstahlsprävention.
Zu diesem Bündel von Präventionsmaßnahmen, die noch durch taktische Maßnahmen ergänzt werden können, müssen aber zwingend auch Maßnahmen der Repression, also der aktiven Verfolgung von Straftaten hinzutreten. Dazu gehört in allererster Linie natürlich die gründliche Schulung aller mit Diebstahlsangelegenheiten befassten Mitarbeiter. Wo die Größe des Unternehmens dies zulässt, soll der Bereich eigenen Mitarbeitern (Haussicherheit, Detektiv) übertragen werden. Dazu kommen organisatorische Komponenten wie die Installation von Überwachungsanlagen, die Einrichtung eines eigenen Sicherheitsbüros und letztlich die Anordnung, alle Ladendiebe anzuzeigen.

Welche Rechte habe ich als Ladenbesitzer gegenüber Ladendieben?
Ich kann im Rahmen meines Hausrechtes generell festlegen, unter welchen Bedingungen ich Kunden den Zutritt zu meinem Geschäft, den Aufenthalt dort und den Erwerb von Waren erlaube. Einschränkungen können u.U. auch auf gesetzliche Bestimmungen begründet werden (Zutritt für Jugendliche nicht gestattet, Verkauf bestimmter Waren ist an rechtliche Voraussetzungen gebunden u.ä.). Benimmt sich ein Kunde verdächtig (z.B. Abzupfen von Etiketten, Verstecken von Ware unter einem Regal), darf ich ihm - auch unbefristet - Hausverbot erteilen. Hat jemand einen Diebstahl oder generell eine Straftat (z.B. Betrug, Bezahlung mit Falschgeld, Verwendung fremder EC-Karte, Unterschlagung u.s.w.) begangen, so habe ich als Ladenbesitzer das Recht, den Kunden - auch gegen seinen Willen und nötigenfalls durch Anwendung unmittelbaren Zwangs - anzuhalten oder auch vorläufig festzunehmen. Die Voraussetzungen dafür sind im § 127/I Strafprozessordnung (StPO) geregelt. Ein weiteres Festnahmerecht zur Durchsetzung von Schadenersatzforderungen ist im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verankert. Ferner dürfen alle Maßnahmen der Nothilfe und der Notwehr sowie der Notstandsbestimmungen des StGB bzw. des BGB getroffen werden.
Ich darf jede Straftat, die mir bekannt wird, bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft anzeigen. Unter sehr engen Voraussetzungen darf ich von Straftätern auch eine Fangprämie fordern.
Schließlich darf ich gegenüber einem Ladendieb alle Maßnahmen treffen, die ich für erforderlich halte, wenn der Täter ausdrücklich damit einverstanden ist. Hier gilt der althergebrachte Rechtsgrundsatz: Dem Wollenden geschieht kein Unrecht! So kann ich bei einem beim Diebstahl betroffenen Mitarbeiter sogar seine Wohnung nach weiterem möglichen Diebesgut durchsuchen, wenn der Mitarbeiter damit einverstanden ist. Aber Vorsicht! Das Einverständnis kann er jederzeit widerrufen, und daraufhin müssen Sie sofort seine Wohnung verlassen. Er ist dann zu Hause, kann dort in aller Ruhe Spuren und Beweismittel vernichten, während Sie vor der Tür auf das Eintreffen der Polizei warten.

Was darf ich nicht?
Ich darf Kunden, die sich weigern, an der Kasse ihre Tasche kontrollieren lassen, nicht allein wegen dieser Weigerung Hausverbot erteilen.
Ich darf grundsätzlich niemanden gegen seinen Willen durchsuchen, auch nicht die von ihm mitgeführten Taschen oder sonstige Behältnisse. Dies gilt auch für festgenommene Straftäter!
Ich darf einen Kunden, bei dem sich beim Durchschreiten der Warensicherungsschleuse Alarm ausgelöst hat, gegen seinen Willen nur dann festhalten und zur Überprüfung des Grundes der Alarmauslösung mitnehmen, wenn ich gesicherte Erkenntnis davon habe (z.B. aus einer Beobachtung über eine Videoanlage), dass der Kunde soeben einen Diebstahl begangen hat. Weiß ich dies nicht sicher, muss ich den Kunden sofort gehen lassen, wenn er dies fordert.
Ich darf mit Ausnahme der Fangprämie keine sonstigen Gebühren oder Kosten von Ladendieben verlangen. Sogenannte "Bearbeitungsgebühren", "Vertragsstrafen" oder "Verwaltungskosten" sind rechtlich nicht zulässig; wer sie dennoch fordert, setzt sich der Gefahr einer Anzeige wegen Nötigung oder Betrugs aus. Beim Erheben der Fangprämie ist zu beachten, dass diese nur dann gefordert werden darf, wenn ein Kunde oder ein Mitarbeiter (außer einem Detektiv) den Hinweis auf den Täter gegeben hat und wenn der Kunde die Fangprämie anschließend ausbezahlt erhält.
Ich darf Täter in keiner Weise dazu nötigen, aktiv etwas zu tun (z.B. beim Transport des Diebesgutes mitzuhelfen), unbeschädigte Ware nachträglich zu bezahlen, etwas zu sagen oder etwas zu unterschreiben. All dies ist nur dann zulässig, wenn der Täter freiwillig damit einverstanden ist.
Ich darf ein Kind, das bei einer Straftat in meinem Geschäft angetroffen wurde, auf keinen Fall allein gehen lassen. Ich muss es unbedingt an dessen Erziehungsberechtigte übergeben, und wenn dies nicht möglich ist, muss ich die Polizei rufen und das Kind an die Polizei übergeben.

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